Jürgen Vogel schockiert und überzeugt
Interview mit Jürgen Vogel bei wdr.de (Teil 2)
wdr.de: Ihr Körper steht sehr im Mittelpunkt. Und Sie zeigen sich, z.B. als Sie onanieren, so offen, wie man es selten bei einem Schauspieler erlebt hat. Wie viel Überwindung hat das gekostet?
Jürgen Vogel: Ich habe schon so viele Diskussionen von anderen Schauspielern zum Thema Nacktheit beim Dreh erlebt. Da denke ich immer: Kinder, ihr seid doch sowieso nackt. Die Nacktheit, die Körperlichkeit beim Spielen ist doch das geringste Problem. Bei einem Dreh zu onanieren ist doch bei weitem nicht das Schlimmste. Du zeigst doch in anderen Situationen viel intimere Dinge als Deinen Körper. Dein Körper ist doch nur Deine Hülle. Bei Leuten, die dann z.B. darüber diskutieren, ob ihr Penis zu sehen sein darf oder nicht, denke ich "Warum hat der sich eigentlich diesen Beruf ausgesucht?". Natürlich frage auch ich vorher: "Wie willst Du diese Szene drehen?" Aber wenn ich dann höre, es ist eine Totale mit einem 360-Grad-Schwenk, dann denke ich: In Ordnung, ich fühle mich nicht ausgestellt. Vor allem erzählt es doch etwas über die Figur. Und das finde ich wichtiger, als meine Eitelkeit, es nicht zu zeigen.
wdr.de: Wobei es Ihnen Ihr durchtrainierter Körper sicherlich auch leichter macht, sich zu zeigen...
Jürgen Vogel: Ach, darum geht es doch nicht. Es gibt andere Schauspieler, die überhaupt nicht attraktiv sind, sich dennoch nackt zeigen und dabei attraktiv wirken. Weil Sie kein Problem mit sich haben. Das hier ist nun mal mein Körper. Und das ist meine Person, zu der sich der Körper gefunden hat. Wenn der anders wäre, würde ich trotzdem nackt rumrennen. Und das werden wir auch noch alle erleben, wenn ich noch 40 Jahre weiter Filme mache. (grinst) Ich werde das tun, werde Euch damit penetrieren, weil es ohne für mich nicht geht.
wdr.de: Das sei die Rolle Ihres Lebens, ist jetzt über Sie zu lesen. Ein belastendes Gefühl mit nicht einmal vierzig Jahren?
Jürgen Vogel: Ach, was die Leute schon alles über mich gesagt haben. Fast alle Regisseure, mit denen ich zusammengearbeitet haben, meinten zu mir: (er verstellt seine Stimme) "So gut wie bei mir warst Du noch nie, Jürgen!" Oder "Das war jetzt was ganz Besonderes, so eine Rolle kommt nie wieder." Natürlich, stimmt auch. So eine Rolle kannst Du ja auch nicht jedes Jahr spielen. Aber ich habe zu viele Filme gemacht und weiß daher, dass ich auf so 'nen Quatsch nicht höre.
wdr.de: Der Tod als Ausweg scheint bei den deutschen Berlinale-Filmen besonders angesagt zu sein. Martina Gedeck wirft sich in "Elementarteilchen" vom Balkon, in "Sehnsucht" wird's versucht, ohne dass es klappt, und auch Sie helfen sich am Ende mit Rasierklingen. Ist das Zufall, oder gibt das die allgemeine Stimmung derzeit wieder?
Jürgen Vogel: Für mich ist das eher eine Frage der Konsequenz. Wenn man es ein bisschen verallgemeinert, haben wir uns beim deutschen Film doch jahrelang an Konsequenzen vorbeigemogelt. Ich hielt den deutschen Film lange Zeit für inkonsequent, haltungslos, beliebig und weichgespült. Und jetzt steckt da vielleicht auch ein bisschen Wut dahinter: Endlich mit Figuren etwas zu machen, wo sonst Leute immer gesagt haben "Das könnt ihr nicht machen, das geht doch nicht!" - Produzenten, Redakteure, man hat es ja beim Film mit so vielen Leuten zu tun, und Angst spielt immer eine große Rolle. Und mittlerweile sind manche vielleicht eher bereit, um eine Figur zu streiten und zu sagen: Doch, das macht die Figur jetzt aber. Vielleicht ist es mittlerweile so, dass viele sagen: Wir wollen endlich anders erzählen, wir wollen konsequenter erzählen. Und dann kann es eben auch sein, dass Protagonisten sterben.
wdr.de: Wie sieht es mit der schon öfters erwogenen Idee aus, sich einmal auf die andere Seite der Kamera zu begeben?
Jürgen Vogel: Es gibt mittlerweile ein Buch, das von Matthias Glasner und Lars Kraume, dem Regisseur von "Keine Lieder über die Liebe", geschrieben wurde. Ich würde das gerne noch in diesem Jahr als Regisseur auf die Beine stellen.
wdr.de: Im Anschluss an Ihren vorherigen Kinofilm "Keine Lieder über die Liebe" sind Sie auch als "echter" Sänger mit der Filmband durch einige kleine Clubs getourt. Ist eine Fortsetzung dieser musikalischen Karriere für Sie vorstellbar?
Jürgen Vogel: Ganz schwierige Frage. (Pause) Ich weiß es noch nicht so genau. Es war total gut und schön, weil es ja auch mit dem Film zu tun hatte. Wenn ich jetzt weiter Musik machen würde, müsste es aber noch mehr mit mir zu tun haben. Es waren ja Texte von anderen, es war für den Film. Und wenn ich es erneut aufgreifen würde, dann nur, wenn ich mich textlich auch ausdrücken kann. Und derzeit versuche ich herauszufinden, ob ich das will und kann. Ich will etwas erzählen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich die damit verbundene Aufmerksamkeit will.
Das Gespräch führte Stefan Domke

