Der freie Wille

"Der Film hat mehr als eine Ebene"

Interview mit Christian Granderath in Streiflichter/Bavaria Film (Teil 2)

Streiflichter: Jürgen Vogel ist Hauptdarsteller, Co-Autor und Co- Produzent zugleich – wie hat sich die Zusammenarbeit mit ihm ergeben?

Christian Granderath: Es war von Anfang an klar, dass Jürgen die Hauptrolle spielt. Er hat Matthias Glasner bei den Recherchen im Maßregelvollzug und den Therapeuten begleitet und auch am Buch mitgearbeitet.

Streiflichter: Jürgen Vogel kennt der Zuschauer bislang überwiegend in sympathischen Rollen. Was hat ihn dazu bewogen, sich so einem Wagnis auszusetzen, sich so einem Thema zu stellen?

Christian Granderath: Kein guter Schauspieler scheut vor einem solchen Schattenreich. Jürgen ist ein guter Schauspieler.

Streiflichter: Für Hauptdarstellerin Sabine Timoteo dürfte diese Rolle sicher eine große Herausforderung gewesen sein ...

Christian Granderath: Weiß ich nicht. Das müssen sie Sabine fragen. Sie spielt Nettie wundervoll. Bei ihr wirkt das Tragische so einfach, spielerisch und schwerelos, ohne dass man dabei bis auf den Grund schauen kann. Das ist sehr, sehr ungewöhnlich. Und hat wahrscheinlich eine Menge mit dem zu tun, was der Regisseur Matthias Glasner wollte.

Streiflichter: Sie haben eine hochkarätige Besetzung für diesen Film gewählt. War es schwierig, Manfred Zapatka und André Hennicke für diesen Stoff zu gewinnen?

Christian Granderath: Es hängt immer stark von der Wertschätzung des Regisseurs ab - und für Matthias war sie groß. Der freie Wille ist ja ein klassischer Autorenfilm und in jeder Hinsicht eine echte Herausforderung. Wir haben den Film für rund eine Million Euro produziert. Das ist sehr wenig Geld, wenn man in 40 Tagen chronologisch dreht. Und es funktioniert nur, wenn alle vor und hinter der Kamera auf Teufel-kommraus an das Projekt glauben und sich dafür ein erhebliches Stückweit selber ausbeuten. Anders geht es nicht. Es wäre sehr schwer gewesen mit unserem Ansatz für diese Art von Film mehr Geld zu bekommen.

In diesem Rahmen haben wir dann eine Menge Unterstützung gefunden, und das nicht nur bei unseren Schauspielern. Der WDR und vor allem Andrea Hanke und auch Andreas Schreitmüller von arte haben sich schon sehr früh für uns engagiert. In der Filmstiftung NRW haben wir einen sehr wichtigen Partner gefunden, der an unseren Ansatz geglaubt hat und schließlich hat auch das Medienboard Berlin-Brandenburg im freien Willen ein lohnenswertes Projekt gesehen.

Streiflichter: Auf welchen Wegen fand das Projekt zu Ihnen und zum Label 131?

Christian Granderath: Mit unserem Indie- und Nachwuchslabel 131 engagieren wir uns ja sehr erfolgreich für besondere Projekte - da gehört der freie Wille hin. Ulrike Folkerts hatte Matthias und mich 2002 miteinander bekannt gemacht, irgendwo in einem Zug im Schwarzwald. Matthias erzählte vom freien Willen, einem Projekt, mit dem er nicht weiterkam. Eigentlich hatte ich keine Lust, mich wieder mit einem Sexualstraftäter auseinanderzusetzen und war nicht interessiert. Durch das Engagement von Frank Döhmann habe ich die 1. Drehbuchfassung dann ein paar Wochen später doch gelesen und von diesem Zeitpunkt wollte ich den Film mit dieser ungewöhnlichen Liebesgeschichte unbedingt produzieren. Wir haben ihn dann im zusammen mit Schwarzweissfilm, der Produktionsfirma von Matthias Glasner, und Jürgen Vogel, auf die Beine gestellt. Bei diesem Projekt sind wir vier zusammen durch dick und dünn und wirklich schwierige Momente gegangen. Dabei hat es manchmal auch sehr heftig geknallt. Aber wir haben uns immer wieder zusammengerauft. Die Einladung in den Wettbewerb eines A-Festivals war für uns immer ein wichtiges Etappenziel und das haben wir nun erreicht. Ich habe selten jemanden erlebt, der so um das Seelenheil seiner Figuren gerungen hat wie Matthias Glasner und deshalb freut mich das Ergebnis besonders.

Streiflichter: Wie ist die Kinoauswertung geplant. Gibt es schon Verleiher, die Interesse angemeldet haben?

Christian Granderath: Ja. Aber jetzt kommt erst einmal die Weltpremiere auf der Berlinale. Danach sehen wir weiter.

Das Interview führte Gitta Deutz-Záboji

zum 1. Teil des Interviews

 
Berlinale
Silberner Bär für Jürgen Vogel für herausragende künstlerische Gesamtleistung als Schauspieler, Co-Autor und Co-Produzent.
Regiepreis der Gilde der deutschen Filmkunsttheater für Matthias Glasner.
Tribeca-Filmfestival 2006 -
Bester Schauspieler Jürgen Vogel.
label 131 schwarzweiss filmproduktion wdr arte Filmstiftung NRW Medienboard Berlin-Brandenburg
       
Arthaus Kinowelt