Der freie Wille

"Der Film hat mehr als eine Ebene"

Interview mit Christian Granderath in Streiflichter/Bavaria Film (Teil 1)

Streiflichter: Herr Granderath, „Der freie Wille“ erzählt auf beklemmende, authentische Weise von einem Sexualstraftäter, der nach neun Jahren Maßregelvollzug frei kommt, aber dennoch mit seinem Sexualtrieb nicht umgehen kann. Damit werden Sie heftige Diskussionen auslösen – was ist die Intention dieses Films?

Christian Granderath: Wir haben keinen Themenfilm gedreht. Im Zentrum steht die Liebesgeschichte zwischen einem Mann, der geschlagen ist und nicht aus seiner Haut heraus kann und einer jungen Frau, die sich in ihn verliebt. Der Film hat mehr als eine Ebene.

Streiflichter: Die brutale Vergewaltigungsszene am Anfang des Films erinnert an die aus „Irréversible“, dem Skandalfilm von Cannes 2002 mit Monica Bellucci und Vincent Cassel. Warum haben auch Sie sich für eine solche Eingangssequenz entschieden? Um zu provozieren, um das Ausmaß der Abgründe in der Seele des Vergewaltigers zu zeigen?

Christian Granderath: Auf Provokation oder Skandal zu setzen, fände ich albern. Es gibt keine einzige Szene, keine einzige Einstellung, keine vierundzwanzigstel Sekunde im freien Willen, die spekulativ oder voyeuristisch ist. Gerade weil wir einen solchen Vergewaltiger wie Theo als Protagonisten haben und ihn mit Anteilnahme begleiten, durften wir nichts verharmlosen. Aber natürlich ist es schockierend und entsetzlich, wenn man sieht und Anteil daran nimmt, was ein Mensch einem anderen Menschen antun kann. Das weiß man spätestens seit Kieslowskis kurzem Film über das Töten.

Streiflichter: Es ist auch ein Film über Einsamkeit – sowohl die, die Theo betrifft als auch Netties oder die ihres Vaters ...

Christian Granderath: Matthias Glasner wollte einen Film über den Terror der Einsamkeit drehen. Das ist ihm gelungen.

Streiflichter: Der Film wird von Männern wie Frauen sicher sehr unterschiedlich aufgenommen werden. Haben Sie eine Zielgruppe vor Augen beziehungsweise: Mit welcher Zielgruppe rechnen Sie?

Christian Granderath: Wir setzen auf Zuschauer, die ins Kino gehen, um sich eine Geschichte erzählen zu lassen, wie sie vielleicht noch nicht so häufig erzählt worden ist und um Bilder zu sehen, die sie vielleicht noch nicht gesehen haben. Die dem Schrecken ins Auge schauen können und vielleicht nicht sofort auf jede Frage eine Antwort erwarten. Die sich für Einsamkeit, Sehnsucht, Liebe und den freien Willen interessieren. Und die herausragende Schauspieler, die unseren Film tragen, sehen wollen - eine wundervolle Sabine Timoteo und einen furiosen Jürgen Vogel.

zum 2. Teil des Interviews

 
Berlinale
Silberner Bär für Jürgen Vogel für herausragende künstlerische Gesamtleistung als Schauspieler, Co-Autor und Co-Produzent.
Regiepreis der Gilde der deutschen Filmkunsttheater für Matthias Glasner.
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Bester Schauspieler Jürgen Vogel.
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